Woche Zehn

Der Besuch der Freunde aus Kiel war toll. Die beiden kamen mit der Fähre aus Frederikshavn, im Gepäck neben einer Grundausrüstung für die Übernachtung einen Schlauch Rotwein, da sie in unserem Reisebericht von der Neige gelesen hatten. Vielen Dank! Natürlich wurde am Abend die Qualität des Getränks gewissenhaft getestet, auch, um in der wegen des aufgekommenen Windes etwas rumpeligen Nacht gut in den Schlaf zu kommen. Die Strategie funktionierte hervorragend.
Nach einem Frühstück trennten sich unsere Wege etwas früher als vorgesehen. Die Fähre zurück fuhr erst um 15:00 Uhr, aber die Santanita-Crew erkannte eine gute Wettergelegenheit, um noch an diesem Tag den zweiten Teil des Schlags an die dänische Ostküste zu absolvieren. Also legten wir gegen 13:00 Uhr ab und überließen unseren Besuch einer Entdeckungstour auf Laesö, bevor sie mit dem großen Stahlschiff ebenfalls zurück fuhren.

Laesoe-Fähre

Mit feiner Brise segelten wir westwärts und genossen die ruhige Fahrt. Knapp 13 Meilen lagen vor uns, aber leider schlief der Wind nach der Hälfte der Distanz ein. Die Dünung, die noch vom Wind der vergangenen Nacht vorhanden war, brachte die Segel zum Schlagen und nervte ungemein. Also mussten wir für die letzten Meilen wieder die Maschine bemühen.

Saeby

Der kleine Ort Saeby war uns empfohlen worden - wir haben vergessen von wem, aber die- oder derjenige hat uns einen guten Rat gegeben. Saeby ist toll. Der Hafen ist groß, die Gästeplätze waren fast alle frei. Wir nahmen eine Box mit viel Abstand zu anderen und genossen die Ruhe. Da die Uhrzeit schon recht fortgeschritten war, gingen wir zum Hafenbistro und bestellten Fish and Chips. Die waren lecker, lagen uns aber noch einige Zeit auf dem Magen.

Fish and Chips

Als wir am Tag drauf den Ort etwas erkundeten, bekamen wir den vollen Kontrast geboten: Waren es in den vergangenen Wochen karge, felsige Landschaften, befanden wir uns hier in sattem Grün aus Wiesen, Büschen und Bäumen, liebevoll angelegt als Garten oder Park. Natürlich hatte die Schroffheit der schwedischen Westschärenwelt ihren Reiz, aber wohliger fühlten wir uns hier. Die Bordfrau beschloss, dass Saeby der Wohlfühlort Nummer Eins in Dänemark während dieser Sommertour wäre, wenngleich noch einige Orte zu besuchen sein würden.

Saeby-Park

Und als wir da so lagen, rechts zehn frei Plätze, links zehn freie Plätze, kam eine 39-Fuß-Yacht in den Hafen und wählte nach ausgiebiger, lautstarker Diskussion genau den Platz an unserer Seite. War die Abstimmung um die Wahl des Platzes schon laut, wurde das Anlegemanöver noch lauter. Extrem aufgeregt hallten die Rufe vom Vorschiff durch den Hafen: "Man kann da nirgends festmachen!" Komisch: Wo waren unsere Vorleinen wohl angebunden? Kaum war das Geheimnis gelüftet und die vier Strippen des Bootes irgendwo angeknotet, durften alle Bootsbewohner den Skipper mit einem Kumpel funken hören "Komm' rein, neben mir ist frei!". Wenige Minuten später folgte eine noch größere Yacht. Mit lautem Juchhei fuhr diese so geschickt in die Nebenbox, dass der Buganker sich in einer Relingsstütze des Erstgekommenen verfing und die gesamte kinetische Energie des Acht-Tonnen-Bootes in Deformationsenergie umgewandelt wurde. "Nichts passiert!" rief der Eine. "Doch, die Stütze ist verbogen!" rief der Andere. "Macht nichts, ich habe immer Stützen dabei!" rief wieder der Eine. Die Santanita-Crew dachte sich ihren Teil und begann die Ruhe zu vermissen. Glücklicherweise streiften die Neuankömmlinge relativ schnell ihre Aufgeregtheit ab und es fand auch kein großer Austausch statt. Dass beide Boote für den frühen Morgen die Weiterfahrt planten, stimmte uns zuversichtlich, die Ruhe wiederzuerlangen, und so kam es dann auch. Am nächsten Morgen waren die Unruhestifter verschwunden.

Santanita allein

Der Versuch, einen Friseur zu besuchen, scheiterte erneut. Man sei "wegen der Ferien" auf vier Wochen ausgebucht. Wir glaubten, dass die Ferien zu Ende seien, aber die Aussage war klar: Kein Haarschnitt. Weil dem Skipper die Mähne juckte, wurden wir selbstständig tätig. Mit Rasiermaschine und Kamm bewaffnet suchten wir einen windigen Platz etwas am Rande der Hafenanlage und los ging's. Die Bordfrau wurde als Coiffeuse tätig, und wenig später war ein Gutteil der Matte ab, verflogen in alle Richtungen. Außerdem wurde die Bordkasse um rund 300 dänische Kronen verschont. Der Skipper denkt, die Frisur wird einen Trend setzen!

Saeby wählten wir als Ort für unser romantisches i-Tüpfelchen. Eine Brücke, die alten und neuen Hafen miteinander verbindet, diente dazu.

DundB

Am Mittwoch kam der Tag der Abreise. Wir nahmen uns einen ordentlichen Schlag vor, weil an der Ostküste Jytlands scheinbar keine für uns attraktiven Ziele lauerten. Außerdem rückt - auch wenn es noch dauert - das Ende unserer Reisezeit in Reichweite. Überhaupt ranken sich die Gedanken immer häufiger um Heimkehr, Wiedereinstieg in den Alltag und ähnliche Dinge. Aber noch können wir das erfolgreich verdrängen.

Auf keinen Fall konnte es schaden, die Entfernung von der Heimat stückchenweise zu reduzieren und so sollte es an diesem Tag gen Süden gehen. Nordwind war angesagt - scheinbar optimale Bedingungen. Wir verließen den Hafen mit gerefftem Großsegel, weil der harte Wind der Nacht noch nicht sehr weit abgeklungen war. Es hatte sich eine hohe, südwärts laufende Welle aufgebaut, die uns später noch sehr nerven sollte. Zunächst ging es mit raumem Wind von der Küste weg, denn innerhalb der ersten zwei Meilen ist ein Seegebiet für die Nutzung von Fischerei ausgeschrieben. Stellnetze und Reusen sind dort großflächig ausgebracht, und die wollten wir uns natürlich nicht einfangen. Als ein ausreichender Abstand erreicht war, fielen wir ab auf einen Südsüdost-Kurs Richtung Grenaa. Das wurde eine ziemliche Eierei, weil der Wind so sehr von hinten kam, dass das Großsegel den Wind für das Vorsegel abdeckte und dieses durch das Schlingern des Bootes in der Welle hin und her schlug - extrem nervig. Also mussten wir unseren eigentlichen Kurs verlassen und durch etwas östlichere Richtung einen Windeinfall für das Vorsegel ermöglichen. um später durch eine zu westliche Richtung zurück zu unserem eigentlichen Kurs zu finden. (Für Nicht-Segler: Kreuzen vor dem Wind). Nach zwei relativ großen Schlägen schien der Wind etwas zu unseren Gunsten gedreht zu haben, und wir konnten Grenaa anlegen. So kamen wir endlich gut voran. Wir hofften, dass diese Situation stabil bleiben würde und nahmen das Reff aus dem Groß, um noch schneller zu segeln.
Nach einigen Stunden ließ der Wind nach und die alte Welle begann unser Nervenkostüm zu erproben. Geschätzt eineinhalb Meter hohe Wogen liefen unter unserem Boot hindurch, wodurch eine stabile Segelführung irgendwann nicht mehr zu ermöglichen war. Anluven, abfallen, anluven, abfallen... Der Autopilot konnte das schon seit Langem nicht mehr leisten, also steuerten wir per Hand. Trotz des Einsatzes kam es immer wieder zu Schlägen im Rigg, weil das durch Leeneigung eingefallene Tuch beim Zurückschaukeln nach Luv ruckartig gefüllt wurde. Außerdem verloren wir an Geschwindigkeit und die errechnete Ankunftszeit wurde später und später. Um ein Ende der Fahrt absehbar zu machen, entschlossen wir uns irgendwann zur Motorfahrt. Es waren noch einige Meilen zu fahren, aber der Tank war voll und die Nerven waren leer. Also runter mit den Textilien und mit 1800 U/min Marschfahrt auf Kurs. Die Santanita läuft in dieser Betriebsart rund 4,5 Knoten, die Ankunftszeit war dadurch absehbar bei ungefähr 23:00 Uhr. Doch langsam aber sicher wurde die Geschwindigkeit (gemessen per GPS, also über Grund) kleiner und kleiner. Nach etwas Ursachenforschung kam ans Licht, dass wir mit Annäherung an die Küste in eine Gegenströmung gerieten, die an der nordöstlichen Landspitze der Halbinsel 2 Knoten und mehr ausmachen würde. Nebenbei schaukelten uns die Wellen weiter durch, so dass die Bordfrau schon prophylaktische Maßnahmen gegen die Seekrankheit ergriffen hatte.
Irgendwas ist ja immer, diesmal mit positiver Auswirkung: Der Sonnenuntergang auf See ist ein besonderes Spektakel, weil man wirklich bis zum Horizont sehen kann. Diese Möglichkeit eröffnete sich uns durch die lange Fahrt.

SundownonSea

Als der rote Himmel abgebaut war, wurde es richtig dunkel. Es gab in dieser Nacht keinen Mond und selbst das Sternenlicht wurde durch die leichte Bedeckung abgehalten. Rund um ums war schwarze Nacht, nur ein paar Seezeichen deuteten uns an, weiter auf dem richtigen Weg zu sein. Die erkannte Strömung ließ uns langsamer und langsamer werden. Wir erhöhten schrittweise die Drehzahl der Maschine, um immerhin noch 3 Knoten zu fahren. Gegen Mitternacht krochen wir um die Landspitze und die Lichter von Grenaa tauchten auf. Es war inzwischen kalt und wir hatten uns eingepackt bis zu den Ohren. Noch um ein paar gesetzte Wegepunkte herum und gegen 01:30 Uhr liefen wir im Hafen ein. Dieser entpuppte sich als äußerst sparsam beleuchtet, so dass wir uns zunächst zwischen den Stegen verfuhren. Glücklicherweise war fast kein Wind mehr, so dass wir sicher auf engem Raum manövrieren konnten. Mit einem Scheinwerfer in der Hand suchten wir einen Liegeplatz und fanden schlussendlich den Platz frei, auf dem wir auf dem Hinweg bereits gelegen hatten. Also hinein da! Ansage vom Vorschiff "fünf Meter, vier Meter, drei Meter, zwei Meter .... zwei Meter noch .... noch ZWEI METER!!". Ein kurzer Blick auf das Echolot verriet das Problem: Wir steckten im Schlick und kamen nicht mehr voran. Offensichtlich hatten wir Niedrigpegel und kein Wasser mehr unter dem Kiel. Mit einem 'Das muss doch gehen!' wurde die Motorleistung noch einmal erhöht, und wir haben uns in den Platz gerammt, auf dass das Wasser wieder steigen möge. Vier Leinen fest und abgeklatscht. Das war ein langer Törn. Um halb drei nachts gab es noch einen heißen Nudeltopf und ein großes Bier, dann haben wir wie betäubt geschlafen. Noch am nächsten Morgen schwankten alle Räume von der stundenlangen Einwirkung der alten Welle - Erlebnisurlaub.

Grenaa_II

Nun waren wir also zum zweiten Mal in Grenaa. Unser erster Besuch war sieben Wochen her. Da sollte die Feriensaison vor Ort am Tag unserer Abreise beginnen. Nun war die Saison vor einigen Tagen zu Ende, die Umstände somit ziemlich ähnlich. Trotzdem entdeckten wir Grenaa neu und auf andere Art und Weise. Waren wir beim ersten Besuch abgeschreckt von der Beschreibung, dass der nahegelegene Höker ganz klein sei, haben wir ihn diesmal trotzdem aufgesucht - und so klein war der gar nicht! Das sparte uns den langen Weg in das rund dreieinhalb Kilometer entfernte Ortszentrum.
Am Tag nach der Erholung von der langen Fahrt ergriff die Bordfrau Initiative und motivierte den trägen Skipper zu einem Spaziergang. Währenddessen fanden wir einen "Kunstpfad", den dann der Skipper unbedingt begehen wollte - und das war wirklich toll! Knapp 60 Kunstwerke wurden präsentiert auf einem rund vier Kilometer langen Spaziergang durch den Wald, teils abstrakt und modern, teils aus Abfällen und mit mahnender Botschaft zum Erhalt des Lebensraumes.

Müllmonster

In dem Exponat "Giv Tid" (Nimm' Dir Zeit und hab' Geduld) meinte ein befreundeter Vereinskamerad den Santanita-Skipper zu erkennen, was diesen nur grinsend und achselzuckend denken lässt, dass er immerhin als Vorlage für eine monumentale Skulptur dienen könne!

Giv Tid

Insgesamt hat Grenaa einen viel besseren Eindruck hinterlassen als vor sieben Wochen. Wenn nun noch der Hafenmeister auch am Wochenende da gewesen wäre, hätten wir uns Räder leihen können und einen zweiten Versuch unternommen, um ein bisschen Musik in der knapp vier Kilometer entfernten 'Innenstadt' zu hören. Es war aber schon Off-Season, und da hat der Hafenmeister Teilzeit....

Woche Neun

VingaAm Montag packte uns der Hafenkoller. Speziell die Bordfrau war betroffen - ein Ortswechsel musste geschehen, denn obwohl wir inzwischen fast Freundschaften mit einzelnen Inselbewohnern geschlossen hatten, ist mehr als eine Woche Aufenthalt an einem Ort einfach schlecht erträglich.
Der Wind stand weiter stramm aus Südwest, aber wir wollten nicht mehr nach Norden. Also planten wir eine Route, bei der wir zunächst ein Stück gegen den Wind motoren würden, um danach hoch am Wind südwärts segeln zu können. Für den Fall, dass das nicht klappen würde, planten wir ein nicht allzu fernes Ziel. Und so kam es auch: Der Segelversuch scheiterte an der Windrichtung, und zwischen den Schären zu kreuzen wollten wir uns nicht antun. Also sind wir vier der sechs Meilen motort und nur zum Schluss noch eine halbe Stunde gesegelt. Weil wir den Ortswechsel recht spontan angesetzt hatten, sind wir erst am frühen Nachmittag ausgelaufen und entsprechend spät angekommen. Einen Liegeplatz zu finden, war trotzdem kein Problem. Hönö-Klava ist ein großer Hafen, wir gingen längsseits an die Promenaden-Pier, einen Pfeiler mit Wasser und Strom direkt zwei Meter hinter der Santanita. Der Skipper nutzte diese Gelegenheit, um das gesamte Deck und Cockpit einmal abzubürsten und zu waschen. Es hatte sich eine Menge Sand und Salz gesammelt. Nach einer Dreiviertelstunde war das Boot sauber.

Promenade:Hönö

Der Ortswechsel hatte sich gelohnt. Allein die Veränderung schaffte es, uns aus einer gewissen Lethargie zu reißen, die sich eingeschlichen hatte. Hier musste wir alles neu erkunden und bekamen neue Eindrücke. Wir fanden eine Bäckerei, einige Restaurants, einen Supermarkt und - zunehmend interessant - einen Frisör! Lange würden wir nicht bleiben, denn am Mittwoch war ein Wetterfenster prognostiziert, dass die Überfahrt nach Laesö ermöglichen sollte.
Am Abend machten wir ein langes Videotelefonat mit der Heimat und danach verbrachten wir eine mittelruhige Nacht. Der Hafen wird als Fischereihafen genutzt und die Flotte lief lebhaft ein und aus, aber nicht diese kleinen romantischen Kutter, die ein Dutzend Reusen auf nahegelegenen Flachs verteilen, sondern industrielle Trawler.

Trawler

Als sollten wir für die Unruhe entschädigt werden, machte der Mond einen großen Auftritt.

Mond_Hönö

An dem einen Aufenthaltstag besuchten wir den Frisör. "Nur mit Termin" war der Grund für das Scheitern der Idee. Der Skipper wird es nie verstehen. Schon das Gespräch darüber dauert fast genauso lange wie eine schnelle Behandlung mit einer Haarschneidemaschine. Naja, dann eben nicht.
Mit dem Bus machten wir einen Ausflug in den nahegelegenen Hafen Fotö. Der hätte sich als Alternative angeboten aber wir hatten ihn aus verschiedenen Gründen nicht gewählt. Der Hafen präsentierte sich uns schnuckelig-sympathisch, aber fast ohne jegliche Versorgung. Wir kraxelten ein bisschen auf den säumenden Schären herum und fuhren zurück, in der Gewissheit, den für uns passenderen Ort gewählt zu haben.
Plötzlich wurde uns klar, dass dies unser letzter Hafen und unser letzter Abend in Schweden sein würde. Die Wetterprognose für Mittwoch blieb stabil, und eine so gute Gelegenheit für den Schlag nach Westen wollten wir unbedingt nutzen. Den Abschied begingen wir in dem hübschen Hafenrestaurant mit einem leckeren Essen und etwas Rotwein.

Hafenrestaurant

Für den Morgen stellten wir uns den Wecker und schafften es, um 8:00 Uhr die Leinen loszuwerfen. Noch im Vorhafen setzten wir die Segel. Hoch an dem schwachen Wind legten wir Kurs zum Verlassen des Schärengartens. Eine deutlich größere Yacht fuhr auf dem gleichen Kurs mit der Kraft ihres Dieselaggregats an uns vorbei. Später setzte auch sie die Segel, war uns aber dennoch erheblich voraus, als wir die westlichste Schäreninsel 'Vinga' fotografierten und somit Schweden gefühlt verließen.

Vinga

Die Yacht nahm ebenfalls Kurs auf Laesö - der Ehrgeiz war geweckt. Es war, als würde ein Knoten platzen: Endlich konnten wir einmal wieder richtig segeln, ohne Enge und Bedrohung durch Untiefen, mit angenehm moderatem Wind und freiem Blick auf die offene See. Der Wind drehte leicht, und wir mussten nicht länger einen so spitzen Winkel fahren. Die Santanita nahm das gerne an, und nach einigen Meilen war die große Yacht eingeholt. Als wollte sie sich nicht länger mit uns vergleichen, drehte sie relativ abrupt nach Süden, wahrscheinlich eine Umentscheidung bezüglich des Ziels, weil dies durch den drehenden Wind möglich wurde. Wir blieben auf unserem Südwestkurs, trafen auf hoher See die Stena, die zwischen Frederikshavn und Göteborg verkehrt und erreichten nach knapp zehn Stunden Fahrt den Westhafen von Laesö, erschöpft, aber glücklich, diesen Sprung so komfortabel geschafft zu haben. Die groben Westwinde der vergangenen Tage und Wochen hatten so eine einfache Überfahrt ziemlich infrage gestellt.

Auf Laesö erwarten wir nun beste Freunde, die mit der Fähre vom Festland kommen werden und mit denen wir eine schöne Zeit verbringen wollen. Aus diesem Grund wird der Reisebericht hier vorerst unterbrochen.

Woche Sieben

Eigentlich mit programmierter Route zur Insel Astoll, fuhren wir am Mittwochmorgen der siebten Woche aus dem Hafen - gut entspannt und ausgerüstet - für den Fall der Fälle auch ohne Versorgung für ein paar Tage. Und dieses Los zogen wir dann auch: Die Bordfrau schlug eine Ankerbucht etwas abseits unserer geplanten Route vor, die wir ansehen wollten, um spontan zu entscheiden, ob wir bleiben oder weiterfahren. Dort angekommen begrüßte uns eine freie Gästeboje - die ultimative Einladung zum Bleiben. Diese Ankerbucht bei der Insel Kärrson kam dem gesuchten Ruhe-Idyll sehr nahe. Ein paar Boote rings um uns herum, ansonsten Schären, spiegelndes Wasser nach dem Nachlassen des Windes und ein aufregender Sonnenuntergang (von dessen Illustration der Schreiber angesichts der Vielzahl von Sonnenuntergangsfotos Abstand nimmt). Bis auf ein paar feiernde Jugendliche bei einer 300 Meter entfernten, kleinen Ansiedlung herrschte vollständige Stille.

Ankerbucht_Kärrson

Wir verbrachten zwei höchst entspannende Tage und Nächte in dieser Bucht. Lesen, Baden, Rumhängen - ganz wunderbar. Dann war uns wieder nach einem Hafen, einer richtigen Dusche und ein paar Menschen. Also starteten wir wieder Richtung Astoll - und bogen wieder vorher ab. Diesmal fanden wir den kleinen Hafen an der Südseite von Stora Dyrön verlockend und fuhren einfach rein. Während wir im Hafenbecken drei Kreise fuhren, um etwas Überblick zu gewinnen, fuhr eine dänische Yacht raus, und der Skipper rief uns zu, dass er den besten Platz im Hafen gerade frei gemacht hätte. Dieser Aufforderung konnten wir nicht widerstehen und haben den Platz eingenommen.

Der Spaziergang vom Südhafen zu einem zweiten kleinen Hafen an der Nordseite dauert ungefähr eine Viertelstunde, einmal den Berg rauf ins Zentrum der Insel und einmal runter. Dabei kommt man vorbei an dem Supermarkt, ein kleiner ICA-Shop, der alles anbietet, was man zum Leben braucht. Bis 20 Uhr ist der Laden besetzt, danach kann man sich mittels App Zutritt verschaffen und selbst einkaufen und bezahlen. Während der Laden besetzt ist, wird dort sogar Pizza gebacken (!). Prima Sache, so konnte die Bordküche kalt bleiben, und wir hatten kurzfristig eine Mahlzeit im Bauch.

ICA_Stora_Dyrön

Überhaupt nimmt der Markt eine ganzheitlich versorgende Stellung ein. Auch die Post wird dort abgewickelt - und der Alkoholverkauf. Dazu folgender Hintergrund: In Schweden gibt es im Supermarkt nur schwach alkoholische Getränke. Selbst das Bier ist dort mit maximal 3,5 % zu haben, also für unsere Verhältnisse eher plörrig reduziert. Für die Versorgung mit 'richtigem' Bier, Wein und Spirituosen gibt es spezielle Geschäfte mit eingeschränkten Öffnungszeiten unter dem Namen 'Systembolaget'. Im konkreten Fall war so ein 'Systembolaget' angeblich in dem ICA-Markt integriert, und da dem Skipper das Bier auszugehen drohte, suchte er nach dem Angebot - vergeblich. Also fragte er nach und erfuhr, dass man seine Wünsche erfüllt bekommt, wenn man zwei Tage vorher bestellt, z.B. online, wo man aber einen schwedischen Ausweis digital vorhalten muss, um eine Altersbestätigung zu erhalten. Der Skipper erinnerte sich an die spitzzüngige Frage eines Vereinskameraden, der ihn im Heimathafen beim Laden zusah: "Du fährst Wasser nach Schweden??" Und tatsächlich war das wahrscheinlich nicht die beste Idee, denn am Abend drauf war auch unser Rotweinvorrat erschöpft....

Vor dem Gang in die Koje planten wir die Weiterfahrt. Ein heftiger Starkwind wurde vorhergesagt und bis dahin wechselhaftes und regnerisches Wetter. 

Sturmvorhersage

Unser nächstes Ziel müsste also einmal mehr für ein paar Tage Aufenthalt taugen, ein gewisses Mindestmaß an Infrastruktur müsste vorhanden sein und der Liegeplatz sollte Schutz bieten. Unsere Wahl fiel auf den Hafen mit dem lustigen Namen Källö-Knippla. Der sollte gut erreichbar sein mit den angesagten leichten Ostwinden. Wir stellten uns den Wecker, schliefen schlecht, und als wir die Augen öffneten, war die aktualisierte Windprognose komplett verändert. Südwest war plötzlich angesagt, mit flautigen Momenten. Etwas launig machten wir uns dennoch auf den Weg. So unglücklich die Fahrt auch werden würde, an den Tagen drauf würde es mit Sicherheit noch übler. Wir bissen in den sauren Apfel und unternahmen die gesamte Reise durch Kraftstoffverbrennung. Das machte die Fahrt zwar langweilig und etwas dröhnig, aber das Erreichen des Ziels wurde präzise kalkulierbar. Zur Belohnung bekamen wir einen Erste-Klasse-Liegeplatz, den wir mit dem Heck zum Steg einnahmen und dadurch einen quasi ebenerdigen Ausstieg an Land hatten - äußerst komfortabel. Wir ermittelten zwei Restaurants, einen Thai-Lieferservice, einen Eisladen und einen kleinen COOP Supermarkt. Sogar ein (ziemlich instabiles) Internet-WLAN stand zur Verfügung, was überraschenderweise in Schweden eher unüblich zu sein scheint.

erstes_Schiff

Am zweiten Tag sollte am Abend der starke Wind kommen. Im Hafen war einige Bewegung. Einige flüchteten heim, andere flüchteten rein. Zwischendurch wurde dadurch ein anderer Liegeplatz frei, der zwar nicht annähernd so präsentativ und komfortabel schien, aber deutlich besseren Schutz vor dem zu Erwartenden bot. Ein kurzes Ab- und Anlegemanöver, gewissenhafte Festmacherei, und wir waren gewappnet, auch durch die bereits mehrfach bewährte Kuchenbude, die wir seit bestimmt drei Wochen nicht mehr gesehen hatten. Die Santanita versteckte sich nun fast vollständig hinter der Kaimauer und der Sturm könnte kommen.

Santanita_versteckt

Während der Skipper diese Zeilen verfasst, regnet es tüchtig und die ersten 30-Knoten-Böen fegen über uns hinweg. Wir fühlen uns sicher, und irgendwie gehört ein knackiger Sturm auch zu einer Segelreise dazu - nur nicht auf See.

Woche Acht

Källö-Knippla

Die achte Woche begann, wie die siebte endete, mit Sturm und Regen - und hinter der Kaimauer. Wir wurden tüchtig durchgeschüttelt, konnten aber dennoch einigermaßen gut schlafen.
Ein etwas ausgiebiger Spaziergang über die Insel in einer längeren Trockenphase war auch möglich. Da zeigte die Insel ihr ganzes Flair und wir beschlossen, dass dieser Ort mit Fiskebäckskil zu unseren schönsten Hafen-Funden zählt. Ein ausgewiesener Spazierweg führte zu einem Aussichtspunkt mit sagenhaftem Rundblick über das Inselarchipel vor Göteborg mit dem noch immer aufgewühlten Wasser.

Aussichtspunkt_Källö_Knippla

Nach den stürmischen Tagen leerte sich der Hafen rapide. Die ersten segelbaren Stunden wurden von allen genutzt, die entweder auf der Reise gen Norden waren oder in nahegelegene Heimatorte zurück mussten. Zu beiden Gruppen gehörten wir nicht. Unsere Idee war der Schlag nach Laesö, wobei sich dafür absehbar kein geeigneter Wind bot. Also blieben wir. Källö-Knippla schien uns sehr geeignet, um einige Zeit hier zu verbringen. Als wollten wir unseren Aufenthalt untermauern, unternahmen wir einen Tagesausflug mit den kostenfreien Fähren auf zwei umliegende Inseln und schauten uns die Häfen dort an. Weder Rörö noch Hybbeln weckten unser Interesse.

Knippla_Webcam

Viel zu schreiben gab es dadurch allerdings für den Reisebericht nicht. Das Seglerpaar, das wir in Almösund getroffen hatten, lief irgendwann ebenfalls in Källö-Knippla ein. Gemeinsam besuchten wir am Samstagabend das Entertainmentspektakel des Wochenendes an der Hafenkneipe: Eine wuchtige Sangesdame mit auffallendem Schuhwerk präsentierte schwedische und internationale Hits - begleitet vom iPad. Nicht nur dem Skipper schien das wenig musisch, und weil es auch kühl und zugig war, haben wir dem Unterhaltungsprogramm nicht bis zum Ende beigewohnt.

Sangesdame

Neben der Hafenkneipe gibt es eine Anlage, auf der Boule gespielt wurde. Der Begriff 'Spiel' trifft hier aber nicht mehr zu. Hier wurde ernst gemacht. Mehrere Mannschaften boulten auf mehreren Bahnen, die Abstände der Bälle wurden sorgfältig mit einem Maßband vermessen, ein Kommentator verkündete die Entwicklung und Ergebnisse über eine Lautsprecheranlage.

Boule-Turnier_1

Boule-Turnier_2

Die Insel wird von 300 Menschen bewohnt. Durch unseren langen Aufenthalt trafen wir einige davon mehrfach. So stand zum Beispiel die Gewinnerin des Boule-Turniers am Tag drauf bei Coop als Mitarbeiterin an der Kasse.

Am Samstagabend gab's einen tollen Vollmond. Wir hofften, dass der auch eine Wetteränderung mit sich bringt. Was passieren kann, wenn man bei zu viel Wind zu viel Textil an den Mast hängt, zeigten uns am Sonntag die Profis vor Kiel beim Start des Ocean Race Europe. Ein Blick auf das aufgewühlte Skagerrak vor 'unserer' kleinen Insel zeigte glasklar, dass wir im Hafen bleiben sollten.

Und sonst noch...

In den heimischen Gefilden sammelte sich vor Abreise ein Fachzeitschriftenstapel aus einem Abonnement. Um diesen Stapel abzubauen, wurde er mit auf die Fahrt genommen. Während der Starkwindphasen konnten tatsächlich einige Hefte, deren Inhalt den Skipper wirklich interessieren, verarbeitet werden. Gleichzeitig häuft sich daheim wieder neues Material an. Mal sehen, wie am Ende die Bilanz ausfällt.

Während unserer Reise erleben wir natürlich viele kleine Dinge, die in diesem Bericht (bislang) unerwähnt bleiben. Hier ein paar Beispiele:
Seit wir an der schwedischen Westküste sind, treffen wir überall wilde Gänse. Die treten typischerweise in kleinen Gruppen auf und sind - im Gegensatz zu unseren heimischen Enten und Schwänen - total unverdorben. Das erkennen wir daran, dass sie zwar, von irgendwelchen Signalen, die wir aussenden, angezogen werden und sternförmig auf unser Boot zu schwimmen, aber ein zugeworfenes Brotstückchen erkennen sie nicht als Häppchen und schwimmen einfach dran vorbei. Verglichen mit unseren gierigen Schnabelviechern zuhause wirken sie geradezu naiv.

naive_Gans

Außerdem ist uns ein großer, langbeiniger Vogel aufgefallen, der ein bisschen wie ein Kranich aussieht, tatsächlich aber ein Graureiher ist.

Reier

Von unseren Ausflügen haben wir ein bisschen Botanik eingesammelt und schmuckvoll an den Mast unter Deck geknüpft. Paradoxerweise hat der Skipper damit angefangen, obwohl eigentlich die Bordfrau diese Profession verfolgt (hat).

Mastschmuck

Woche Sechs

Fiskebäckskil

Mit den Aussichten auf das Wetter reifte der Gedanke, unsere Reise nicht mehr allzu weit nach Norden zu erweitern. Und es war nicht nur das Wetter, dass uns dazu trieb, sondern einerseits auch das Gefühl, dass sich die Umgebung kaum mehr verändert (das wäre sicherlich mit größerer Distanz doch der Fall), aber auch das Reisen auf den Verkehrswegen stresst richtiggehend. Natürlich wurden wir vor der Überfüllung der Region in der Hauptferienzeit gewarnt, aber welche Ausprägung das konkret mit sich bringt, erlebt man eben erst an eigenem Leib. Und es ist kaum vorstellbar, welches Gedränge zwischen den Schären stattfindet - und dann immer wieder diese komplett übermotorisierten Einfamilienhäuser, auf denen sportlich-klassisch/lässig gekleidete Piloten ihre Überlegenheit demonstrieren. Sie verursachen neben höllischem Lärm Wellenbilder, die auch ein gut mit Wind gefülltes Rigg zum Schlagen bringen. Verbale Beschreibungen dafür verbietet die gute Ausdrucksform. Hier bedarf es definitiv Regulierung, Kontrolle und Sanktionierung. Das hat mit Freizügigkeit nichts mehr zu tun, sondern ist schlicht rücksichtsloser Egoismus.

unangepasst

Die beschriebenen Umstände lassen uns die Tagesschläge verkürzen. Von Lyseskil nach Fiskebäckskil ist es gerade ein Stunde Seefahrt. Schon die Einfahrt in den kleinen Fjord begeistert. Geradezu malerisch, in den typischen Verschachtelungen und Farben in die Schären eingepflanzt, lächeln uns die Häuser des kleinen Ortes entgegen. An der Wasserkante hat jedes Haus einen Steg, viele kleine und große Boote liegen an den privaten Anlagen. Die Marina mit Gästeplätzen ist etwas tiefer innen und so jockeln wir an diesem verträumten Panorama entlang - Entschädigung für den Terror draußen.

Wieder empfängt uns eine freundliche Hafenwartin auf einem Schlauchboot und arrangiert uns einen Liegeplatz, obwohl wir nicht neuzeitlich digital eine Reservierung vorgenommen haben. Das ist uns - mit Verlaub - zu blöd, entbehrt jeglicher Romantik und führt zu Zwängen, denen wir uns nicht aussetzen möchten. Wir machen längsseits am Kopf eines Steges fest und haben eine großartige Aussicht auf den Ort samt weitem Blick bis durch die Öffnung des Sunds auf die freie See.

Blick_vom_Stegkopf

Da wir früh gestartet sind, kommen wir bereits vor Mittag an. Unser Frühstück fiel entsprechend spartanisch aus. Das Mittagsloch im Bauch sollte durch das Lunch-Angebot des Hafenrestaurants bekämpft werden. Dieses überzeugte total. Zwar mussten wir ein bisschen in der Schlange stehen, um einen Platz zu ergattern, aber das kulinarische Erlebnis hat einfach nur riesigen Spaß gemacht. Es wurde zum Tagesgericht als Starter ein Buffet mit verschiedenen Herings- und Kartoffelsalaten geboten, Kaffee zum Abschluss gab's auch, alles für einen seriösen Preis - das Gegenteil einer Touristenfalle.

Die deutsche Nationalflagge haben wir seit geraumer Zeit nur noch selten gesehen. Da fiel es auf, dass am Steg ein Segelboot aus der Heimat lag, erst recht, da der Skipper mit einer (unverstärkten) elektrischen Gitarre da saß. Der entpuppte sich im Gespräch als großer Steve-Lukather-Fan - eine fast schon kuriose Überraschung, hat doch der Santanita-Skipper kurz vor der Abreise eben diesen Gitarrenhelden wiederentdeckt und seitdem ein Konzertvideo aus den 90ern im Ohr, das er damals in Hamburg besucht hat. 'Extension Blues', 'Party in Simon's Pans' (Simon Philipps) - großartig! Luke damals mit wilder Mähne, ausgebrochen aus dem Pop-Image von Toto, wie entfesselt im Freiraum des (im Zweifel) massenuntauglichen Jazz-Rocks. Am Abend drauf sollte es Musik in der Hafenbar geben, und da waren wir natürlich gleich verabredet - eine tolle Urlaubsbekanntschaft mit einem Seglerpaar von Fehmarn.

Trubaduren

Das Ringen um Liegeplätze war intensiv. Kurz vor Mittag kam - wie erwartet - eine große (43 Fuß) Motoryacht an 'unseren' Stegkopf. Die sollte nach Plan dort liegen, wo wir extra einen großen Platz für eine andere Motoryacht gelassen hatten, die am Vormittag abreisen sollte. Die Besatzung war jedoch ausgeflogen, und so hatte der leicht überforderte Hafenwart keine bessere Idee, als die angekommene, riesige Yacht an unsere Seite zu dirigieren. Das konnte natürlich nur eine temporäre Lösung sein, und so warteten wir gemeinsam auf die Rückkehr der Crew, die eigentlich Platz machen wollte. Aufgelöst wurde die missliche Situation erst durch den Hafenwart der zweiten Schicht, der uns einen anderen Platz organisierte, auf dem wir auch noch eine dritte Nacht würden verbringen können. Also hatten wir ein weiteres Hafenmanöver zu absolvieren, danach aber einen wirklich guten Platz inmitten von Einheimischen, also etwas separiert vom Gästehafen-Trouble. 

Wir blieben insgesamt drei Nächte in Fiskebäckskil und haben beschlossen, dass dies vielleicht der für uns passendste Ort mit touristischem Angebot war - Ankerbuchten und Naturhäfen außerhalb der Betrachtung.

Björholmen

Auf Anregung der Bordfrau hieß unser nächster Zielort Björholmen. Dort solle es einen Skulpturenpark geben, der den kulturellen Teil unserer Reise bereichern könnte. Dem Skipper ist es recht, ein bisschen Fahren, ein neuer Platz, neue Eindrücke - prima!

Auf dem Weg passiert dann endlich das, was wir selbstverständlich vermeiden wollten, was aber angesichts des Tiefganges der Santanita und den Besonderheiten des Reviers irgendwie vorprogrammiert war..... Am Abend zuvor hatten wir gemeinsam eine Route abgesteckt, die wir fahren wollten. Dabei sind wir - ohne Vorsatz - streckenweise von den Hauptverkehrswegen abgewichen. Dies erwies sich während der Fahrt als äußerst erholsam, weil die vorwiegend genutzten Wege nervtötend frequentiert werden. So genossen wir die Ruhe der Nebenstrecke bis zu einer Engstelle, die nicht nur eng, sondern auch besonders flach ist. Es knirschte, es rummste, die Santanita machte unbekannte Bewegungen, die (zum Glück vorher geringe) Geschwindigkeit war sofort bei Null. Im Bruchteil einer Sekunde war klar was passiert war, und es herrschte Alarmstimmung an Bord. Segel runter, Maschine an. Das Boot vertrieb innerhalb der wenigen Meter Breite der Durchfahrt rasch nach Lee und legte sich spürbar mit dem Kiel gegen die nebenliegende Untiefe - wieder mit etwas ungewolltem Nebengeräusch. Das kleine Angelboot hinter uns stoppte und beobachtete kommentarlos unsere Bemühungen. Dahinter kam ein Kajütboot auf und fuhr an uns vorbei. "Follow us!" rief die Crew uns zu. Mit blindem Vertrauen in der unglücklichen Situation folgten wir den Schweden, die uns derartig dicht an dem Felsen vorbei lotsten, dass beinahe die Bordwand am Stein gekratzt hätte. Ausgerechnet dort war es aber tief genug für uns.

Das helfende Boot war schnell vor uns verschwunden, so dass wir uns kaum mehr bedanken konnten außer einen nach oben gerichteten Daumen zu zeigen. Wieder in tieferem Gewässer schauten wir uns die Kielverbolzung an - alles klar dort. Die Grundberührung war extrem erschreckend, hat aber keine strukturellen Schäden hinterlassen. Wir klopften dreimal auf Holz (Stirn). Später am Liegeplatz sollten wir erkennen, dass wir das Kartenmaterial eigentlich gewissenhaft genug verwendet hatten (im Bild ist die Fahrtrichtung südwärts). Die Tiefenangaben sind nicht wirklich eindeutig. Beim zweiten Versuch sind wir ja durchgekommen und die enge Fahrt an der Schäre wäre wohl nicht notwendig gewesen.

Screenshot

Naja. Ende gut, alles gut. Die Bombe ist noch dran, die Santanita liegt weiterhin gerade im Wasser. Erstaunlich: Der Impuls, der durch das Schiff ging, hat im Masttopp (!) den Windex deutlich sichtbar verdreht (!!). Alles Weitere sehen wir im Oktober nach dem Aufslippen. Nach dem für uns diesen Sommer geleisteten Diensten steht ohnehin eine besonders liebevolle Pflege an.

In Björholmen bekommen wir einen Gästeliegeplatz an der Außenseite des Hafens - mit Mooringleine und voll im Schwell jedes vorbeifahrenden Motorbootes. Wir binden einen Fender quer vor den Bug, um nicht mit dem Steven gegen den Steg zu stoßen. Aber das passiert nicht, die Mooring ist kurz genug angebunden.
Nach einer kurzen Erkundung der Gegebenheiten leihen wir uns zwei Fahrräder und strampeln über die leicht hügelige Gegend zum Kulturhighlight. Die Hitzewelle ist voll ausgeprägt, wir schwitzen animalisch, aber das gilt nicht als Ausrede für das Auslassen des Besuches im Skulpturenpark "Pilane". Sehr besonders fügen sich die Exponate in die spezielle Landschaft ein, allüberagend die geschätzt fünfzehn Meter große Anna.

Anna

Wieder zurück am Boot erfrischen wir uns mit einem Bad im klaren Wasser und lassen den Tag ausklingen. Genug erlebt für heute. Morgen wollen wir weiter. Es gibt da eine Verabredung....

Almösund

Rund zehn Tage nach uns ist ein Paar Vereinskameraden (wie gendert man das richtig?) ebenfalls mit dem Ziel 'Schwedische Westschären' aufgebrochen. Da wir nun die Bewegung gen Norden deutlich reduziert haben, uns sogar schon wieder ein wenig gen Süden orientieren, werden wir eingeholt. Beste Gelegenheit für ein Treffen und den Austausch von Erfahrungen und Seemannsgarn. Wir verabredeten uns in Almösund, auch, weil in den folgenden Tagen straffer Wind angesagt ist und wir einmal mehr Schutz in einem Hafen suchen wollen. Mit den Beiden verbringen wir zwei tolle, lebendige Abende - einen auf der Santanita und einen auf deren klassischem Holzboot. Das ist schon eine andere Welt, wenn man als 'Plastikbootsegler' von den Umständen und Notwendigkeiten zum Betrieb eine solchen Klassikers erfährt. Wir haben Respekt, wissen aber auch unseren modernen Komfort zu schätzen.

Der südliche Wind passt für unsere Freunde, die uns deshalb nach zwei Tagen verlassen. Wir wollen in die Gegenrichtung und bleiben noch. Sicherlich wäre eine Fahrt 'gegenan' möglich, aber wir finden den wenig touristisch genutzten Ort klasse, genießen die Ruhe und gestehen uns eine gewisse Trägheit ein. Also machen wir "Urlaub im Urlaub" und faulenzen einige Tage, innerhalb derer (wir sind auch zum genauen Nachrechnen zu faul) wir das Bergfest unserer Reise feiern. Da wir jeden Tag zelebrieren, wird das Ereignis nicht besonders begangen, aber im Bewusstsein graviert sich ein, dass die Hälfte der Zeit vorüber ist - und andersherum auch noch vor uns liegt. Neben dem Ausleben unserer Trägheit gibt es ein großes Reinemachen, Diesel wird getankt, wir gehen Baden, Lesen und kümmern uns um die Alltäglichkeiten. Wunderbar, Müßiggang im besten Sinne. Die Windsituation ist nicht aufdrängend günstig für unser nächstes Ziel: Wir wollen südwestwärts, wieder raus aus dem Sund hinter der Insel Tjörn, in die 'erste Reihe' des Schärengartens. Dort werden wir dann mit kleinen Schlägen noch ein paar Plätze aufsuchen und auf eine geeignete Wetterphase lauern, um den Schlag zurück nach Dänemark anzugehen.