Woche Zehn

Der Besuch der Freunde aus Kiel war toll. Die beiden kamen mit der Fähre aus Frederikshavn, im Gepäck neben einer Grundausrüstung für die Übernachtung einen Schlauch Rotwein, da sie in unserem Reisebericht von der Neige gelesen hatten. Vielen Dank! Natürlich wurde am Abend die Qualität des Getränks gewissenhaft getestet, auch, um in der wegen des aufgekommenen Windes etwas rumpeligen Nacht gut in den Schlaf zu kommen. Die Strategie funktionierte hervorragend.
Nach einem Frühstück trennten sich unsere Wege etwas früher als vorgesehen. Die Fähre zurück fuhr erst um 15:00 Uhr, aber die Santanita-Crew erkannte eine gute Wettergelegenheit, um noch an diesem Tag den zweiten Teil des Schlags an die dänische Ostküste zu absolvieren. Also legten wir gegen 13:00 Uhr ab und überließen unseren Besuch einer Entdeckungstour auf Laesö, bevor sie mit dem großen Stahlschiff ebenfalls zurück fuhren.

Laesoe-Fähre

Mit feiner Brise segelten wir westwärts und genossen die ruhige Fahrt. Knapp 13 Meilen lagen vor uns, aber leider schlief der Wind nach der Hälfte der Distanz ein. Die Dünung, die noch vom Wind der vergangenen Nacht vorhanden war, brachte die Segel zum Schlagen und nervte ungemein. Also mussten wir für die letzten Meilen wieder die Maschine bemühen.

Saeby

Der kleine Ort Saeby war uns empfohlen worden - wir haben vergessen von wem, aber die- oder derjenige hat uns einen guten Rat gegeben. Saeby ist toll. Der Hafen ist groß, die Gästeplätze waren fast alle frei. Wir nahmen eine Box mit viel Abstand zu anderen und genossen die Ruhe. Da die Uhrzeit schon recht fortgeschritten war, gingen wir zum Hafenbistro und bestellten Fish and Chips. Die waren lecker, lagen uns aber noch einige Zeit auf dem Magen.

Fish and Chips

Als wir am Tag drauf den Ort etwas erkundeten, bekamen wir den vollen Kontrast geboten: Waren es in den vergangenen Wochen karge, felsige Landschaften, befanden wir uns hier in sattem Grün aus Wiesen, Büschen und Bäumen, liebevoll angelegt als Garten oder Park. Natürlich hatte die Schroffheit der schwedischen Westschärenwelt ihren Reiz, aber wohliger fühlten wir uns hier. Die Bordfrau beschloss, dass Saeby der Wohlfühlort Nummer Eins in Dänemark während dieser Sommertour wäre, wenngleich noch einige Orte zu besuchen sein würden.

Saeby-Park

Und als wir da so lagen, rechts zehn frei Plätze, links zehn freie Plätze, kam eine 39-Fuß-Yacht in den Hafen und wählte nach ausgiebiger, lautstarker Diskussion genau den Platz an unserer Seite. War die Abstimmung um die Wahl des Platzes schon laut, wurde das Anlegemanöver noch lauter. Extrem aufgeregt hallten die Rufe vom Vorschiff durch den Hafen: "Man kann da nirgends festmachen!" Komisch: Wo waren unsere Vorleinen wohl angebunden? Kaum war das Geheimnis gelüftet und die vier Strippen des Bootes irgendwo angeknotet, durften alle Bootsbewohner den Skipper mit einem Kumpel funken hören "Komm' rein, neben mir ist frei!". Wenige Minuten später folgte eine noch größere Yacht. Mit lautem Juchhei fuhr diese so geschickt in die Nebenbox, dass der Buganker sich in einer Relingsstütze des Erstgekommenen verfing und die gesamte kinetische Energie des Acht-Tonnen-Bootes in Deformationsenergie umgewandelt wurde. "Nichts passiert!" rief der Eine. "Doch, die Stütze ist verbogen!" rief der Andere. "Macht nichts, ich habe immer Stützen dabei!" rief wieder der Eine. Die Santanita-Crew dachte sich ihren Teil und begann die Ruhe zu vermissen. Glücklicherweise streiften die Neuankömmlinge relativ schnell ihre Aufgeregtheit ab und es fand auch kein großer Austausch statt. Dass beide Boote für den frühen Morgen die Weiterfahrt planten, stimmte uns zuversichtlich, die Ruhe wiederzuerlangen, und so kam es dann auch. Am nächsten Morgen waren die Unruhestifter verschwunden.

Santanita allein

Der Versuch, einen Friseur zu besuchen, scheiterte erneut. Man sei "wegen der Ferien" auf vier Wochen ausgebucht. Wir glaubten, dass die Ferien zu Ende seien, aber die Aussage war klar: Kein Haarschnitt. Weil dem Skipper die Mähne juckte, wurden wir selbstständig tätig. Mit Rasiermaschine und Kamm bewaffnet suchten wir einen windigen Platz etwas am Rande der Hafenanlage und los ging's. Die Bordfrau wurde als Coiffeuse tätig, und wenig später war ein Gutteil der Matte ab, verflogen in alle Richtungen. Außerdem wurde die Bordkasse um rund 300 dänische Kronen verschont. Der Skipper denkt, die Frisur wird einen Trend setzen!

Saeby wählten wir als Ort für unser romantisches i-Tüpfelchen. Eine Brücke, die alten und neuen Hafen miteinander verbindet, diente dazu.

DundB

Am Mittwoch kam der Tag der Abreise. Wir nahmen uns einen ordentlichen Schlag vor, weil an der Ostküste Jytlands scheinbar keine für uns attraktiven Ziele lauerten. Außerdem rückt - auch wenn es noch dauert - das Ende unserer Reisezeit in Reichweite. Überhaupt ranken sich die Gedanken immer häufiger um Heimkehr, Wiedereinstieg in den Alltag und ähnliche Dinge. Aber noch können wir das erfolgreich verdrängen.

Auf keinen Fall konnte es schaden, die Entfernung von der Heimat stückchenweise zu reduzieren und so sollte es an diesem Tag gen Süden gehen. Nordwind war angesagt - scheinbar optimale Bedingungen. Wir verließen den Hafen mit gerefftem Großsegel, weil der harte Wind der Nacht noch nicht sehr weit abgeklungen war. Es hatte sich eine hohe, südwärts laufende Welle aufgebaut, die uns später noch sehr nerven sollte. Zunächst ging es mit raumem Wind von der Küste weg, denn innerhalb der ersten zwei Meilen ist ein Seegebiet für die Nutzung von Fischerei ausgeschrieben. Stellnetze und Reusen sind dort großflächig ausgebracht, und die wollten wir uns natürlich nicht einfangen. Als ein ausreichender Abstand erreicht war, fielen wir ab auf einen Südsüdost-Kurs Richtung Grenaa. Das wurde eine ziemliche Eierei, weil der Wind so sehr von hinten kam, dass das Großsegel den Wind für das Vorsegel abdeckte und dieses durch das Schlingern des Bootes in der Welle hin und her schlug - extrem nervig. Also mussten wir unseren eigentlichen Kurs verlassen und durch etwas östlichere Richtung einen Windeinfall für das Vorsegel ermöglichen. um später durch eine zu westliche Richtung zurück zu unserem eigentlichen Kurs zu finden. (Für Nicht-Segler: Kreuzen vor dem Wind). Nach zwei relativ großen Schlägen schien der Wind etwas zu unseren Gunsten gedreht zu haben, und wir konnten Grenaa anlegen. So kamen wir endlich gut voran. Wir hofften, dass diese Situation stabil bleiben würde und nahmen das Reff aus dem Groß, um noch schneller zu segeln.
Nach einigen Stunden ließ der Wind nach und die alte Welle begann unser Nervenkostüm zu erproben. Geschätzt eineinhalb Meter hohe Wogen liefen unter unserem Boot hindurch, wodurch eine stabile Segelführung irgendwann nicht mehr zu ermöglichen war. Anluven, abfallen, anluven, abfallen... Der Autopilot konnte das schon seit Langem nicht mehr leisten, also steuerten wir per Hand. Trotz des Einsatzes kam es immer wieder zu Schlägen im Rigg, weil das durch Leeneigung eingefallene Tuch beim Zurückschaukeln nach Luv ruckartig gefüllt wurde. Außerdem verloren wir an Geschwindigkeit und die errechnete Ankunftszeit wurde später und später. Um ein Ende der Fahrt absehbar zu machen, entschlossen wir uns irgendwann zur Motorfahrt. Es waren noch einige Meilen zu fahren, aber der Tank war voll und die Nerven waren leer. Also runter mit den Textilien und mit 1800 U/min Marschfahrt auf Kurs. Die Santanita läuft in dieser Betriebsart rund 4,5 Knoten, die Ankunftszeit war dadurch absehbar bei ungefähr 23:00 Uhr. Doch langsam aber sicher wurde die Geschwindigkeit (gemessen per GPS, also über Grund) kleiner und kleiner. Nach etwas Ursachenforschung kam ans Licht, dass wir mit Annäherung an die Küste in eine Gegenströmung gerieten, die an der nordöstlichen Landspitze der Halbinsel 2 Knoten und mehr ausmachen würde. Nebenbei schaukelten uns die Wellen weiter durch, so dass die Bordfrau schon prophylaktische Maßnahmen gegen die Seekrankheit ergriffen hatte.
Irgendwas ist ja immer, diesmal mit positiver Auswirkung: Der Sonnenuntergang auf See ist ein besonderes Spektakel, weil man wirklich bis zum Horizont sehen kann. Diese Möglichkeit eröffnete sich uns durch die lange Fahrt.

SundownonSea

Als der rote Himmel abgebaut war, wurde es richtig dunkel. Es gab in dieser Nacht keinen Mond und selbst das Sternenlicht wurde durch die leichte Bedeckung abgehalten. Rund um ums war schwarze Nacht, nur ein paar Seezeichen deuteten uns an, weiter auf dem richtigen Weg zu sein. Die erkannte Strömung ließ uns langsamer und langsamer werden. Wir erhöhten schrittweise die Drehzahl der Maschine, um immerhin noch 3 Knoten zu fahren. Gegen Mitternacht krochen wir um die Landspitze und die Lichter von Grenaa tauchten auf. Es war inzwischen kalt und wir hatten uns eingepackt bis zu den Ohren. Noch um ein paar gesetzte Wegepunkte herum und gegen 01:30 Uhr liefen wir im Hafen ein. Dieser entpuppte sich als äußerst sparsam beleuchtet, so dass wir uns zunächst zwischen den Stegen verfuhren. Glücklicherweise war fast kein Wind mehr, so dass wir sicher auf engem Raum manövrieren konnten. Mit einem Scheinwerfer in der Hand suchten wir einen Liegeplatz und fanden schlussendlich den Platz frei, auf dem wir auf dem Hinweg bereits gelegen hatten. Also hinein da! Ansage vom Vorschiff "fünf Meter, vier Meter, drei Meter, zwei Meter .... zwei Meter noch .... noch ZWEI METER!!". Ein kurzer Blick auf das Echolot verriet das Problem: Wir steckten im Schlick und kamen nicht mehr voran. Offensichtlich hatten wir Niedrigpegel und kein Wasser mehr unter dem Kiel. Mit einem 'Das muss doch gehen!' wurde die Motorleistung noch einmal erhöht, und wir haben uns in den Platz gerammt, auf dass das Wasser wieder steigen möge. Vier Leinen fest und abgeklatscht. Das war ein langer Törn. Um halb drei nachts gab es noch einen heißen Nudeltopf und ein großes Bier, dann haben wir wie betäubt geschlafen. Noch am nächsten Morgen schwankten alle Räume von der stundenlangen Einwirkung der alten Welle - Erlebnisurlaub.

Grenaa_II

Nun waren wir also zum zweiten Mal in Grenaa. Unser erster Besuch war sieben Wochen her. Da sollte die Feriensaison vor Ort am Tag unserer Abreise beginnen. Nun war die Saison vor einigen Tagen zu Ende, die Umstände somit ziemlich ähnlich. Trotzdem entdeckten wir Grenaa neu und auf andere Art und Weise. Waren wir beim ersten Besuch abgeschreckt von der Beschreibung, dass der nahegelegene Höker ganz klein sei, haben wir ihn diesmal trotzdem aufgesucht - und so klein war der gar nicht! Das sparte uns den langen Weg in das rund dreieinhalb Kilometer entfernte Ortszentrum.
Am Tag nach der Erholung von der langen Fahrt ergriff die Bordfrau Initiative und motivierte den trägen Skipper zu einem Spaziergang. Währenddessen fanden wir einen "Kunstpfad", den dann der Skipper unbedingt begehen wollte - und das war wirklich toll! Knapp 60 Kunstwerke wurden präsentiert auf einem rund vier Kilometer langen Spaziergang durch den Wald, teils abstrakt und modern, teils aus Abfällen und mit mahnender Botschaft zum Erhalt des Lebensraumes.

Müllmonster

In dem Exponat "Giv Tid" (Nimm' Dir Zeit und hab' Geduld) meinte ein befreundeter Vereinskamerad den Santanita-Skipper zu erkennen, was diesen nur grinsend und achselzuckend denken lässt, dass er immerhin als Vorlage für eine monumentale Skulptur dienen könne!

Giv Tid

Insgesamt hat Grenaa einen viel besseren Eindruck hinterlassen als vor sieben Wochen. Wenn nun noch der Hafenmeister auch am Wochenende da gewesen wäre, hätten wir uns Räder leihen können und einen zweiten Versuch unternommen, um ein bisschen Musik in der knapp vier Kilometer entfernten 'Innenstadt' zu hören. Es war aber schon Off-Season, und da hat der Hafenmeister Teilzeit....