Woche Neun

VingaAm Montag packte uns der Hafenkoller. Speziell die Bordfrau war betroffen - ein Ortswechsel musste geschehen, denn obwohl wir inzwischen fast Freundschaften mit einzelnen Inselbewohnern geschlossen hatten, ist mehr als eine Woche Aufenthalt an einem Ort einfach schlecht erträglich.
Der Wind stand weiter stramm aus Südwest, aber wir wollten nicht mehr nach Norden. Also planten wir eine Route, bei der wir zunächst ein Stück gegen den Wind motoren würden, um danach hoch am Wind südwärts segeln zu können. Für den Fall, dass das nicht klappen würde, planten wir ein nicht allzu fernes Ziel. Und so kam es auch: Der Segelversuch scheiterte an der Windrichtung, und zwischen den Schären zu kreuzen wollten wir uns nicht antun. Also sind wir vier der sechs Meilen motort und nur zum Schluss noch eine halbe Stunde gesegelt. Weil wir den Ortswechsel recht spontan angesetzt hatten, sind wir erst am frühen Nachmittag ausgelaufen und entsprechend spät angekommen. Einen Liegeplatz zu finden, war trotzdem kein Problem. Hönö-Klava ist ein großer Hafen, wir gingen längsseits an die Promenaden-Pier, einen Pfeiler mit Wasser und Strom direkt zwei Meter hinter der Santanita. Der Skipper nutzte diese Gelegenheit, um das gesamte Deck und Cockpit einmal abzubürsten und zu waschen. Es hatte sich eine Menge Sand und Salz gesammelt. Nach einer Dreiviertelstunde war das Boot sauber.

Promenade:Hönö

Der Ortswechsel hatte sich gelohnt. Allein die Veränderung schaffte es, uns aus einer gewissen Lethargie zu reißen, die sich eingeschlichen hatte. Hier musste wir alles neu erkunden und bekamen neue Eindrücke. Wir fanden eine Bäckerei, einige Restaurants, einen Supermarkt und - zunehmend interessant - einen Frisör! Lange würden wir nicht bleiben, denn am Mittwoch war ein Wetterfenster prognostiziert, dass die Überfahrt nach Laesö ermöglichen sollte.
Am Abend machten wir ein langes Videotelefonat mit der Heimat und danach verbrachten wir eine mittelruhige Nacht. Der Hafen wird als Fischereihafen genutzt und die Flotte lief lebhaft ein und aus, aber nicht diese kleinen romantischen Kutter, die ein Dutzend Reusen auf nahegelegenen Flachs verteilen, sondern industrielle Trawler.

Trawler

Als sollten wir für die Unruhe entschädigt werden, machte der Mond einen großen Auftritt.

Mond_Hönö

An dem einen Aufenthaltstag besuchten wir den Frisör. "Nur mit Termin" war der Grund für das Scheitern der Idee. Der Skipper wird es nie verstehen. Schon das Gespräch darüber dauert fast genauso lange wie eine schnelle Behandlung mit einer Haarschneidemaschine. Naja, dann eben nicht.
Mit dem Bus machten wir einen Ausflug in den nahegelegenen Hafen Fotö. Der hätte sich als Alternative angeboten aber wir hatten ihn aus verschiedenen Gründen nicht gewählt. Der Hafen präsentierte sich uns schnuckelig-sympathisch, aber fast ohne jegliche Versorgung. Wir kraxelten ein bisschen auf den säumenden Schären herum und fuhren zurück, in der Gewissheit, den für uns passenderen Ort gewählt zu haben.
Plötzlich wurde uns klar, dass dies unser letzter Hafen und unser letzter Abend in Schweden sein würde. Die Wetterprognose für Mittwoch blieb stabil, und eine so gute Gelegenheit für den Schlag nach Westen wollten wir unbedingt nutzen. Den Abschied begingen wir in dem hübschen Hafenrestaurant mit einem leckeren Essen und etwas Rotwein.

Hafenrestaurant

Für den Morgen stellten wir uns den Wecker und schafften es, um 8:00 Uhr die Leinen loszuwerfen. Noch im Vorhafen setzten wir die Segel. Hoch an dem schwachen Wind legten wir Kurs zum Verlassen des Schärengartens. Eine deutlich größere Yacht fuhr auf dem gleichen Kurs mit der Kraft ihres Dieselaggregats an uns vorbei. Später setzte auch sie die Segel, war uns aber dennoch erheblich voraus, als wir die westlichste Schäreninsel 'Vinga' fotografierten und somit Schweden gefühlt verließen.

Vinga

Die Yacht nahm ebenfalls Kurs auf Laesö - der Ehrgeiz war geweckt. Es war, als würde ein Knoten platzen: Endlich konnten wir einmal wieder richtig segeln, ohne Enge und Bedrohung durch Untiefen, mit angenehm moderatem Wind und freiem Blick auf die offene See. Der Wind drehte leicht, und wir mussten nicht länger einen so spitzen Winkel fahren. Die Santanita nahm das gerne an, und nach einigen Meilen war die große Yacht eingeholt. Als wollte sie sich nicht länger mit uns vergleichen, drehte sie relativ abrupt nach Süden, wahrscheinlich eine Umentscheidung bezüglich des Ziels, weil dies durch den drehenden Wind möglich wurde. Wir blieben auf unserem Südwestkurs, trafen auf hoher See die Stena, die zwischen Frederikshavn und Göteborg verkehrt und erreichten nach knapp zehn Stunden Fahrt den Westhafen von Laesö, erschöpft, aber glücklich, diesen Sprung so komfortabel geschafft zu haben. Die groben Westwinde der vergangenen Tage und Wochen hatten so eine einfache Überfahrt ziemlich infrage gestellt.

Auf Laesö erwarten wir nun beste Freunde, die mit der Fähre vom Festland kommen werden und mit denen wir eine schöne Zeit verbringen wollen. Aus diesem Grund wird der Reisebericht hier vorerst unterbrochen.