Woche Sieben

Eigentlich mit programmierter Route zur Insel Astoll, fuhren wir am Mittwochmorgen der siebten Woche aus dem Hafen - gut entspannt und ausgerüstet - für den Fall der Fälle auch ohne Versorgung für ein paar Tage. Und dieses Los zogen wir dann auch: Die Bordfrau schlug eine Ankerbucht etwas abseits unserer geplanten Route vor, die wir ansehen wollten, um spontan zu entscheiden, ob wir bleiben oder weiterfahren. Dort angekommen begrüßte uns eine freie Gästeboje - die ultimative Einladung zum Bleiben. Diese Ankerbucht bei der Insel Kärrson kam dem gesuchten Ruhe-Idyll sehr nahe. Ein paar Boote rings um uns herum, ansonsten Schären, spiegelndes Wasser nach dem Nachlassen des Windes und ein aufregender Sonnenuntergang (von dessen Illustration der Schreiber angesichts der Vielzahl von Sonnenuntergangsfotos Abstand nimmt). Bis auf ein paar feiernde Jugendliche bei einer 300 Meter entfernten, kleinen Ansiedlung herrschte vollständige Stille.

Ankerbucht_Kärrson

Wir verbrachten zwei höchst entspannende Tage und Nächte in dieser Bucht. Lesen, Baden, Rumhängen - ganz wunderbar. Dann war uns wieder nach einem Hafen, einer richtigen Dusche und ein paar Menschen. Also starteten wir wieder Richtung Astoll - und bogen wieder vorher ab. Diesmal fanden wir den kleinen Hafen an der Südseite von Stora Dyrön verlockend und fuhren einfach rein. Während wir im Hafenbecken drei Kreise fuhren, um etwas Überblick zu gewinnen, fuhr eine dänische Yacht raus, und der Skipper rief uns zu, dass er den besten Platz im Hafen gerade frei gemacht hätte. Dieser Aufforderung konnten wir nicht widerstehen und haben den Platz eingenommen.

Der Spaziergang vom Südhafen zu einem zweiten kleinen Hafen an der Nordseite dauert ungefähr eine Viertelstunde, einmal den Berg rauf ins Zentrum der Insel und einmal runter. Dabei kommt man vorbei an dem Supermarkt, ein kleiner ICA-Shop, der alles anbietet, was man zum Leben braucht. Bis 20 Uhr ist der Laden besetzt, danach kann man sich mittels App Zutritt verschaffen und selbst einkaufen und bezahlen. Während der Laden besetzt ist, wird dort sogar Pizza gebacken (!). Prima Sache, so konnte die Bordküche kalt bleiben, und wir hatten kurzfristig eine Mahlzeit im Bauch.

ICA_Stora_Dyrön

Überhaupt nimmt der Markt eine ganzheitlich versorgende Stellung ein. Auch die Post wird dort abgewickelt - und der Alkoholverkauf. Dazu folgender Hintergrund: In Schweden gibt es im Supermarkt nur schwach alkoholische Getränke. Selbst das Bier ist dort mit maximal 3,5 % zu haben, also für unsere Verhältnisse eher plörrig reduziert. Für die Versorgung mit 'richtigem' Bier, Wein und Spirituosen gibt es spezielle Geschäfte mit eingeschränkten Öffnungszeiten unter dem Namen 'Systembolaget'. Im konkreten Fall war so ein 'Systembolaget' angeblich in dem ICA-Markt integriert, und da dem Skipper das Bier auszugehen drohte, suchte er nach dem Angebot - vergeblich. Also fragte er nach und erfuhr, dass man seine Wünsche erfüllt bekommt, wenn man zwei Tage vorher bestellt, z.B. online, wo man aber einen schwedischen Ausweis digital vorhalten muss, um eine Altersbestätigung zu erhalten. Der Skipper erinnerte sich an die spitzzüngige Frage eines Vereinskameraden, der ihn im Heimathafen beim Laden zusah: "Du fährst Wasser nach Schweden??" Und tatsächlich war das wahrscheinlich nicht die beste Idee, denn am Abend drauf war auch unser Rotweinvorrat erschöpft....

Vor dem Gang in die Koje planten wir die Weiterfahrt. Ein heftiger Starkwind wurde vorhergesagt und bis dahin wechselhaftes und regnerisches Wetter. 

Sturmvorhersage

Unser nächstes Ziel müsste also einmal mehr für ein paar Tage Aufenthalt taugen, ein gewisses Mindestmaß an Infrastruktur müsste vorhanden sein und der Liegeplatz sollte Schutz bieten. Unsere Wahl fiel auf den Hafen mit dem lustigen Namen Källö-Knippla. Der sollte gut erreichbar sein mit den angesagten leichten Ostwinden. Wir stellten uns den Wecker, schliefen schlecht, und als wir die Augen öffneten, war die aktualisierte Windprognose komplett verändert. Südwest war plötzlich angesagt, mit flautigen Momenten. Etwas launig machten wir uns dennoch auf den Weg. So unglücklich die Fahrt auch werden würde, an den Tagen drauf würde es mit Sicherheit noch übler. Wir bissen in den sauren Apfel und unternahmen die gesamte Reise durch Kraftstoffverbrennung. Das machte die Fahrt zwar langweilig und etwas dröhnig, aber das Erreichen des Ziels wurde präzise kalkulierbar. Zur Belohnung bekamen wir einen Erste-Klasse-Liegeplatz, den wir mit dem Heck zum Steg einnahmen und dadurch einen quasi ebenerdigen Ausstieg an Land hatten - äußerst komfortabel. Wir ermittelten zwei Restaurants, einen Thai-Lieferservice, einen Eisladen und einen kleinen COOP Supermarkt. Sogar ein (ziemlich instabiles) Internet-WLAN stand zur Verfügung, was überraschenderweise in Schweden eher unüblich zu sein scheint.

erstes_Schiff

Am zweiten Tag sollte am Abend der starke Wind kommen. Im Hafen war einige Bewegung. Einige flüchteten heim, andere flüchteten rein. Zwischendurch wurde dadurch ein anderer Liegeplatz frei, der zwar nicht annähernd so präsentativ und komfortabel schien, aber deutlich besseren Schutz vor dem zu Erwartenden bot. Ein kurzes Ab- und Anlegemanöver, gewissenhafte Festmacherei, und wir waren gewappnet, auch durch die bereits mehrfach bewährte Kuchenbude, die wir seit bestimmt drei Wochen nicht mehr gesehen hatten. Die Santanita versteckte sich nun fast vollständig hinter der Kaimauer und der Sturm könnte kommen.

Santanita_versteckt

Während der Skipper diese Zeilen verfasst, regnet es tüchtig und die ersten 30-Knoten-Böen fegen über uns hinweg. Wir fühlen uns sicher, und irgendwie gehört ein knackiger Sturm auch zu einer Segelreise dazu - nur nicht auf See.