Fiskebäckskil
Mit den Aussichten auf das Wetter reifte der Gedanke, unsere Reise nicht mehr allzu weit nach Norden zu erweitern. Und es war nicht nur das Wetter, dass uns dazu trieb, sondern einerseits auch das Gefühl, dass sich die Umgebung kaum mehr verändert (das wäre sicherlich mit größerer Distanz doch der Fall), aber auch das Reisen auf den Verkehrswegen stresst richtiggehend. Natürlich wurden wir vor der Überfüllung der Region in der Hauptferienzeit gewarnt, aber welche Ausprägung das konkret mit sich bringt, erlebt man eben erst an eigenem Leib. Und es ist kaum vorstellbar, welches Gedränge zwischen den Schären stattfindet - und dann immer wieder diese komplett übermotorisierten Einfamilienhäuser, auf denen sportlich-klassisch/lässig gekleidete Piloten ihre Überlegenheit demonstrieren. Sie verursachen neben höllischem Lärm Wellenbilder, die auch ein gut mit Wind gefülltes Rigg zum Schlagen bringen. Verbale Beschreibungen dafür verbietet die gute Ausdrucksform. Hier bedarf es definitiv Regulierung, Kontrolle und Sanktionierung. Das hat mit Freizügigkeit nichts mehr zu tun, sondern ist schlicht rücksichtsloser Egoismus.
Die beschriebenen Umstände lassen uns die Tagesschläge verkürzen. Von Lyseskil nach Fiskebäckskil ist es gerade ein Stunde Seefahrt. Schon die Einfahrt in den kleinen Fjord begeistert. Geradezu malerisch, in den typischen Verschachtelungen und Farben in die Schären eingepflanzt, lächeln uns die Häuser des kleinen Ortes entgegen. An der Wasserkante hat jedes Haus einen Steg, viele kleine und große Boote liegen an den privaten Anlagen. Die Marina mit Gästeplätzen ist etwas tiefer innen und so jockeln wir an diesem verträumten Panorama entlang - Entschädigung für den Terror draußen.
Wieder empfängt uns eine freundliche Hafenwartin auf einem Schlauchboot und arrangiert uns einen Liegeplatz, obwohl wir nicht neuzeitlich digital eine Reservierung vorgenommen haben. Das ist uns - mit Verlaub - zu blöd, entbehrt jeglicher Romantik und führt zu Zwängen, denen wir uns nicht aussetzen möchten. Wir machen längsseits am Kopf eines Steges fest und haben eine großartige Aussicht auf den Ort samt weitem Blick bis durch die Öffnung des Sunds auf die freie See.
Da wir früh gestartet sind, kommen wir bereits vor Mittag an. Unser Frühstück fiel entsprechend spartanisch aus. Das Mittagsloch im Bauch sollte durch das Lunch-Angebot des Hafenrestaurants bekämpft werden. Dieses überzeugte total. Zwar mussten wir ein bisschen in der Schlange stehen, um einen Platz zu ergattern, aber das kulinarische Erlebnis hat einfach nur riesigen Spaß gemacht. Es wurde zum Tagesgericht als Starter ein Buffet mit verschiedenen Herings- und Kartoffelsalaten geboten, Kaffee zum Abschluss gab's auch, alles für einen seriösen Preis - das Gegenteil einer Touristenfalle.
Die deutsche Nationalflagge haben wir seit geraumer Zeit nur noch selten gesehen. Da fiel es auf, dass am Steg ein Segelboot aus der Heimat lag, erst recht, da der Skipper mit einer (unverstärkten) elektrischen Gitarre da saß. Der entpuppte sich im Gespräch als großer Steve-Lukather-Fan - eine fast schon kuriose Überraschung, hat doch der Santanita-Skipper kurz vor der Abreise eben diesen Gitarrenhelden wiederentdeckt und seitdem ein Konzertvideo aus den 90ern im Ohr, das er damals in Hamburg besucht hat. 'Extension Blues', 'Party in Simon's Pans' (Simon Philipps) - großartig! Luke damals mit wilder Mähne, ausgebrochen aus dem Pop-Image von Toto, wie entfesselt im Freiraum des (im Zweifel) massenuntauglichen Jazz-Rocks. Am Abend drauf sollte es Musik in der Hafenbar geben, und da waren wir natürlich gleich verabredet - eine tolle Urlaubsbekanntschaft mit einem Seglerpaar von Fehmarn.
Das Ringen um Liegeplätze war intensiv. Kurz vor Mittag kam - wie erwartet - eine große (43 Fuß) Motoryacht an 'unseren' Stegkopf. Die sollte nach Plan dort liegen, wo wir extra einen großen Platz für eine andere Motoryacht gelassen hatten, die am Vormittag abreisen sollte. Die Besatzung war jedoch ausgeflogen, und so hatte der leicht überforderte Hafenwart keine bessere Idee, als die angekommene, riesige Yacht an unsere Seite zu dirigieren. Das konnte natürlich nur eine temporäre Lösung sein, und so warteten wir gemeinsam auf die Rückkehr der Crew, die eigentlich Platz machen wollte. Aufgelöst wurde die missliche Situation erst durch den Hafenwart der zweiten Schicht, der uns einen anderen Platz organisierte, auf dem wir auch noch eine dritte Nacht würden verbringen können. Also hatten wir ein weiteres Hafenmanöver zu absolvieren, danach aber einen wirklich guten Platz inmitten von Einheimischen, also etwas separiert vom Gästehafen-Trouble.
Wir blieben insgesamt drei Nächte in Fiskebäckskil und haben beschlossen, dass dies vielleicht der für uns passendste Ort mit touristischem Angebot war - Ankerbuchten und Naturhäfen außerhalb der Betrachtung.
Björholmen
Auf Anregung der Bordfrau hieß unser nächster Zielort Björholmen. Dort solle es einen Skulpturenpark geben, der den kulturellen Teil unserer Reise bereichern könnte. Dem Skipper ist es recht, ein bisschen Fahren, ein neuer Platz, neue Eindrücke - prima!
Auf dem Weg passiert dann endlich das, was wir selbstverständlich vermeiden wollten, was aber angesichts des Tiefganges der Santanita und den Besonderheiten des Reviers irgendwie vorprogrammiert war..... Am Abend zuvor hatten wir gemeinsam eine Route abgesteckt, die wir fahren wollten. Dabei sind wir - ohne Vorsatz - streckenweise von den Hauptverkehrswegen abgewichen. Dies erwies sich während der Fahrt als äußerst erholsam, weil die vorwiegend genutzten Wege nervtötend frequentiert werden. So genossen wir die Ruhe der Nebenstrecke bis zu einer Engstelle, die nicht nur eng, sondern auch besonders flach ist. Es knirschte, es rummste, die Santanita machte unbekannte Bewegungen, die (zum Glück vorher geringe) Geschwindigkeit war sofort bei Null. Im Bruchteil einer Sekunde war klar was passiert war, und es herrschte Alarmstimmung an Bord. Segel runter, Maschine an. Das Boot vertrieb innerhalb der wenigen Meter Breite der Durchfahrt rasch nach Lee und legte sich spürbar mit dem Kiel gegen die nebenliegende Untiefe - wieder mit etwas ungewolltem Nebengeräusch. Das kleine Angelboot hinter uns stoppte und beobachtete kommentarlos unsere Bemühungen. Dahinter kam ein Kajütboot auf und fuhr an uns vorbei. "Follow us!" rief die Crew uns zu. Mit blindem Vertrauen in der unglücklichen Situation folgten wir den Schweden, die uns derartig dicht an dem Felsen vorbei lotsten, dass beinahe die Bordwand am Stein gekratzt hätte. Ausgerechnet dort war es aber tief genug für uns.
Das helfende Boot war schnell vor uns verschwunden, so dass wir uns kaum mehr bedanken konnten außer einen nach oben gerichteten Daumen zu zeigen. Wieder in tieferem Gewässer schauten wir uns die Kielverbolzung an - alles klar dort. Die Grundberührung war extrem erschreckend, hat aber keine strukturellen Schäden hinterlassen. Wir klopften dreimal auf Holz (Stirn). Später am Liegeplatz sollten wir erkennen, dass wir das Kartenmaterial eigentlich gewissenhaft genug verwendet hatten (im Bild ist die Fahrtrichtung südwärts). Die Tiefenangaben sind nicht wirklich eindeutig. Beim zweiten Versuch sind wir ja durchgekommen und die enge Fahrt an der Schäre wäre wohl nicht notwendig gewesen.
Naja. Ende gut, alles gut. Die Bombe ist noch dran, die Santanita liegt weiterhin gerade im Wasser. Erstaunlich: Der Impuls, der durch das Schiff ging, hat im Masttopp (!) den Windex deutlich sichtbar verdreht (!!). Alles Weitere sehen wir im Oktober nach dem Aufslippen. Nach dem für uns diesen Sommer geleisteten Diensten steht ohnehin eine besonders liebevolle Pflege an.
In Björholmen bekommen wir einen Gästeliegeplatz an der Außenseite des Hafens - mit Mooringleine und voll im Schwell jedes vorbeifahrenden Motorbootes. Wir binden einen Fender quer vor den Bug, um nicht mit dem Steven gegen den Steg zu stoßen. Aber das passiert nicht, die Mooring ist kurz genug angebunden.
Nach einer kurzen Erkundung der Gegebenheiten leihen wir uns zwei Fahrräder und strampeln über die leicht hügelige Gegend zum Kulturhighlight. Die Hitzewelle ist voll ausgeprägt, wir schwitzen animalisch, aber das gilt nicht als Ausrede für das Auslassen des Besuches im Skulpturenpark "Pilane". Sehr besonders fügen sich die Exponate in die spezielle Landschaft ein, allüberagend die geschätzt fünfzehn Meter große Anna.
Wieder zurück am Boot erfrischen wir uns mit einem Bad im klaren Wasser und lassen den Tag ausklingen. Genug erlebt für heute. Morgen wollen wir weiter. Es gibt da eine Verabredung....
Almösund
Rund zehn Tage nach uns ist ein Paar Vereinskameraden (wie gendert man das richtig?) ebenfalls mit dem Ziel 'Schwedische Westschären' aufgebrochen. Da wir nun die Bewegung gen Norden deutlich reduziert haben, uns sogar schon wieder ein wenig gen Süden orientieren, werden wir eingeholt. Beste Gelegenheit für ein Treffen und den Austausch von Erfahrungen und Seemannsgarn. Wir verabredeten uns in Almösund, auch, weil in den folgenden Tagen straffer Wind angesagt ist und wir einmal mehr Schutz in einem Hafen suchen wollen. Mit den Beiden verbringen wir zwei tolle, lebendige Abende - einen auf der Santanita und einen auf deren klassischem Holzboot. Das ist schon eine andere Welt, wenn man als 'Plastikbootsegler' von den Umständen und Notwendigkeiten zum Betrieb eine solchen Klassikers erfährt. Wir haben Respekt, wissen aber auch unseren modernen Komfort zu schätzen.
Der südliche Wind passt für unsere Freunde, die uns deshalb nach zwei Tagen verlassen. Wir wollen in die Gegenrichtung und bleiben noch. Sicherlich wäre eine Fahrt 'gegenan' möglich, aber wir finden den wenig touristisch genutzten Ort klasse, genießen die Ruhe und gestehen uns eine gewisse Trägheit ein. Also machen wir "Urlaub im Urlaub" und faulenzen einige Tage, innerhalb derer (wir sind auch zum genauen Nachrechnen zu faul) wir das Bergfest unserer Reise feiern. Da wir jeden Tag zelebrieren, wird das Ereignis nicht besonders begangen, aber im Bewusstsein graviert sich ein, dass die Hälfte der Zeit vorüber ist - und andersherum auch noch vor uns liegt. Neben dem Ausleben unserer Trägheit gibt es ein großes Reinemachen, Diesel wird getankt, wir gehen Baden, Lesen und kümmern uns um die Alltäglichkeiten. Wunderbar, Müßiggang im besten Sinne. Die Windsituation ist nicht aufdrängend günstig für unser nächstes Ziel: Wir wollen südwestwärts, wieder raus aus dem Sund hinter der Insel Tjörn, in die 'erste Reihe' des Schärengartens. Dort werden wir dann mit kleinen Schlägen noch ein paar Plätze aufsuchen und auf eine geeignete Wetterphase lauern, um den Schlag zurück nach Dänemark anzugehen.